Das dritte Paradies1

In der Zukunft wird der Homo sapiens mit der Natur versöhnt sein. Seine Siedlungen werden weder städtisch noch ländlich, sondern eine Kombination aus städtischen und ländlichen Strukturen sein. Die konkrete Umsetzung dieser Kombination wird einem beständigen Wandel unterliegen, aber immer darauf ausgerichtet sein, Stadt und Land mehr und mehr miteinander in Einklang zu bringen. Sie werden sich in Übereinstimmung entfalten. Der Homo sapiens wird mehr wissen und mehr erfinden und seine Fähigkeit, das dritte Paradies zu gestalten, ausbauen. Die Ökonomie (das Gesetz des Haushalts) wird sich der »Ökologie« (der Logik des Hauses) unterwerfen.

Wir werden den Garten Eden nicht neu schaffen. Mit dem, was uns geblieben ist – versengter Natur und geborstenen Städten –, werden wir zusammen zu einem Zustand des gemeinsamen Rhythmus und des Einklangs zurückfinden. Der Homo sapiens wird sich – eher als umgekehrt – der Natur unterwerfen und seine Kreativität (ein Talent, das allein dem Homo sapiens vorbehalten ist) dazu nutzen, innerhalb ihrer Logik neue Verhaltensweisen und Lösungen zu entwickeln.

Gerechtigkeit

Weil wir uns außerhalb dieser Logik entwickelt haben, haben wir es gegenwärtig nicht nur mit der Herausforderung des Klimawandels, sondern auch mit der Endlichkeit der materiellen Ressourcen zu tun. Gerechtigkeit ist eine Frage der Ressourcenverteilung. Diese hängt davon ab, wie eine Gesellschaft sich organisiert. Gerechtigkeit wird immer notwendiger, und das nicht nur aufgrund der ge- fühlten Endlichkeit der Ressourcen, sondern auch aufgrund der Veränderungen, die wir in Gang setzen müssen, um unsere Gesellschaft im Sinne der Nachhaltigkeit umzustrukturieren, was nur mit einem Entwurf möglich ist, der gleichzeitig auch die längst überfällige Gerechtigkeit verwirklicht. Ohne gefühlte echte Gerechtigkeit werden die Veränderungen nicht alle motivieren. Wir können uns die Situation also so denken, dass uns mit der ökologischen Nachhaltigkeit noch eine – wenn nicht die letzte – Chance gegeben wird, Gerechtigkeit zu verwirklichen.

90 tHeMa: entwicklung findet stadt Doi 10.14623/con.2019.1.90-94

Ich würde mir gerne vorstellen, dass Gemeinschaften in unserer zukünftigen globalisierten Gesellschaft sogar noch wichtiger sein werden, weil dies einer kritischen Gerechtigkeit zuträglich sein könnte.

Mit Gemeinschaft (Community) meine ich eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam ein Gebiet bewohnen und einige konkrete Gemeinsamkeiten miteinander teilen, wobei ihnen die Grenzen und Konsequenzen täglich unmittelbar bewusst werden. Größenmäßige, territoriale oder räumliche Begrenzungen sind wesentlich für die unmittelbare Erfahrung der Grenzen und Konsequenzen. Deshalb spreche ich hier nicht über spezifizierte Verwendungen des Begriffs Ge- meinschaft wie in »Community of Practice«, es sei denn, die betreffende Com- munity würde auf begrenztem Raum zusammenleben. Und auch »gedachte« Gemeinschaften wie die »Europäische Gemeinschaft«, die »ASEAN«, die »Inter- nationale Gemeinschaft« und sogar den »Nationalstaat« werde ich im vorliegen- den Beitrag nicht berücksichtigen.

Als alternative, auf ökologische Nachhaltigkeit gerichtete Lebensweise ist die Gemeinschaft mithin dem Staat, dem Markt und, was noch wichtiger ist, dem Begehren gegenüber potenziell kritisch eingestellt.

Die Bedeutung der Gemeinschaft wird also immer entscheidender und geht über die Subjektrolle hinaus, die der Entwicklungsansatz ihr etwa in Wendun- gen wie »gemeinschaftsbasierte Entwicklung«, »gemeinschaftlich betriebener Wiederaufbau«, »Community Mapping« usw. zuweist.

Ein Leben in einer (wie oben definierten) Gemeinschaft kann in dem überaus deutlichen Bewusstsein der Unvollkommenheit des Staats, des Markts und des Begehrens wie auch der Unvollkommenheit der Gemeinschaft selbst geführt werden. Die Folge wäre eine ambitionierte Sichtweise, die die Gemeinschaft nicht mehr als bloße Füllmasse für die Risse im nationalstaatlichen und kapita- listischen System, sondern als potenzielle Quelle von Alternativen (wenn nicht Ersatzformen) und, was genauso wichtig ist, von Kritik betrachtet.

Was das Begehren betrifft, kann eine Gemeinschaft nicht nur als Prüfinstanz für Konsumexzesse, sondern auch als Quelle nachhaltiger Konsum- und Produk- tionskonzepte und -praktiken fungieren – und wäre es auch nur, um uns alle vor der »Tragik der Allmende«, d. h. des Allgemeinguts, zu bewahren. Die Gemein- schaft ist eine funktionale Ideologie, die weiteres Allgemeingut hervorbringt, und besitzt als Ort für weiteres Allgemeingut ihren eigenen Wert. Gemeinschaft könnte eine Quelle neuer Beziehungen sein, die aus dem Zusammenleben, aus ei- nem kooperativen Konsum- und Produktionssystem und daraus entstehen, dass man der Koexistenz mit »anderen« eine Bedeutung gibt oder einen Sinn abge- winnt.

Was deutlicher hervorgehoben werden muss, ist die Tatsache, dass Gemein- schaft eine Kritik am Begehren sein kann.

Wir wissen noch nicht mit Bestimmtheit, wie der Kampf gegen den Klima- wandel und die Endlichkeit des Ressourcen letztlich ausgehen wird. Es gibt meh- rere Szenarien. Ich würde jedoch die Auffassung vertreten, dass unser kritischer Umgang mit unserem Begehren entscheidend sein wird.

Marco kusuMawiJaYa 91

Irgendwie sind wir zu einem Konsens gelangt, der besagt, dass wir eine öko- logische Wende brauchen und dass diese Wende früher hätte eingeleitet werden müssen. Die ökologische Wende ist ein Prozess, im Zuge dessen wir unser Le- benssystem dahingehend verändern, dass es sich in das System der Erde und ih- rer Prinzipien einpasst und der Logik des Hauses – der Erde – entspricht.

Veränderungen auf individueller Ebene sind niemals ausreichend. Verände- rungen müssen erprobt und auf der Ebene des »Zusammenlebens« verankert werden, das Schauplatz komplexerer, aber unabdingbarer Beziehungen ist. Eine ökologisch nachhaltige Art des Zusammenlebens muss in einem prakti- kablen Umfang und Maßstab der Gemeinschaftlichkeit entdeckt oder aufge- baut werden.

Aus ökologischer Sicht ist der Konsum zentraler Bestandteil des Begehrens. Damit verbunden sind tiefere und zuweilen verborgene Schichten: Streben nach allgemeinem Wohlstand, nach Macht, nach Industrialisierung, eigennützige In- teressen, Ausdehnung des Lebensraums in die Natur und in fremde Territorien hinein usw.

Gemeinschaften könnten durch einen Prozess des Dialogs und der offenen Kommunikation Grenzen aufzeigen und als Stimme der Mäßigung fungieren. Man könnte damit beginnen, dass man dem Unterschied zwischen Bedürfnis und Begehren auf den Grund geht und Alternativen erforscht, die begrenzend oder nicht begrenzend sind oder neuen Überfluss bieten. »Sind nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion möglich?« Diese Frage sollte zur Entwick- lung neuer Wirtschafts- und Staatsformen führen, deren Konstruktion sich nach unserem Begehren richtet. Deshalb muss das Nachdenken über sie immer auch das Nachdenken über unser Begehren beinhalten. Gemeinschaft kann einen wichtigen Beitrag zur Konsum- und Produktionskritik leisten, wenn sie das Be- gehren hinterfragt.

Ist eine Stadt eine Gemeinschaft?

In Südostasien fällt der Beginn der Urbanität mit dem Beginn der Neuzeit im 15. bis 17. Jahrhundert zusammen. Die städtischen Gemeinschaften veränderten die Art und Weise, wie Menschen die Welt, sich selbst und Zeit und Raum wahr- nahmen. Zwei Jahrhunderte später dienten die Städte in Südostasien als eine Quelle für die Kritik an den Kolonialstaaten. Sie sollten auch ihren Beitrag zu ei- ner kritischen Haltung gegenüber den zeitgenössischen Staatsformen leisten. Als ausgeklügeltste Form eines denkbar engen und intensiven Zusammenlebens liefert die Stadt gemeinsame Güter, gemeinsame Narrative und viele weitere Gemeinsamkeiten. Doch ihre eigene Gemeinschaftlichkeit ist aktuellen, bestän- digen und fortdauernden Gefahren ausgesetzt. Deshalb ist es dringend erforder- lich, dass die Stadt, um Gemeinschaft zu bleiben, auch Selbstkritik übt. Die Stadt hat im Lauf ihrer langen Geschichte Individuen und Zivilisationen verändert. Sie kann sich, was ihren Umgang mit Energie und Rohstoffen betrifft, auch selbst grundlegend verändern.

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Also lautet die Antwort: Ja, eine Stadt kann eine Gemeinschaft sein, eine rea- lere Gemeinschaft als ein Nationalstaat, solange sie bei der Schaffung und Auf- rechterhaltung von Allgemeingut produktiv und sich selbst und anderen gegen- über kritisch ist. Die meisten Übergriffe und Umwandlungen von Allgemeingut in öffentliches (staatliches) und privates Eigentum finden zunehmend und inten- siv im Zuge von Urbanisierungsprozessen statt.

Optimismus

Zurzeit sollte die oben skizzierte Vision nicht allzu weit hergeholt wirken. Es bil- den sich bereits Gedanken, Theorien, Wissenschaften, Techniken und Praktiken heraus, die eine neue Rückbindung an die Natur anbahnen. Bei einem raschen Suchdurchlauf stößt man auf philosophischer Ebene auf die Deep Ecology.2 Im Bereich der Wirtschaft wären die Umweltökonomik, die grüne und die ökologische Ökonomie zu nennen. Auf Produktionsebene finden sich The Blue Economy3 und die Kreislaufwirtschaft, die auf der Wissenschaft vom Stoff- stromkreislauf basiert. Es gibt zahlreiche aufkommende ökologische Rückge- winnungspraktiken wie die Renaturierung von Flüssen, die biologische und die kreislaufbasierte Landwirtschaft. Bei der Städteplanung gibt es den wassersen- siblen Ansatz. Viele Dinge werden heutzutage als »grün« etikettiert: grünes Bau- en, grüne Energie, grüne Materialien usw. Auch wenn wir uns davor hüten müs- sen, alles »grünzureden«, ist dieses grüne Labelling doch ein Anzeichen dafür, dass es einiges an gutem Willen und unvollendeten Denkansätzen gibt, das eine Chance auf Verbesserung birgt.

In einigen Städten ist mit Blick auf die Rekonstruktion städtischer Gemein- schaften die Politik der Solidarität wieder modern geworden. Künstler haben eine Zeitlang mit Gemeinschaften gearbeitet, um ein neues Bewusstsein für die gemeinsame Produktion von Allgemeingut zu schaffen.

Dem Staat, dessen Macht auf einer Logik der Hegemonie basiert, stehen am anderen Ende der Skala indigene Gemeinschaften gegenüber, die noch immer nach ihren eigenen Regeln leben. In Indonesien werden in zahlreichen Program- men zum Schutz des Meeres und der Wälder Regeln zugrunde gelegt und ange- wendet, die in örtlichen Gemeinschaften gültig und wirksam sind. Der Wieder- aufbau von Aceh nach dem Tsunami von 2004 stützte sich auf viele autonome Initiativen örtlicher Gemeinschaften. Es werden Anstrengungen unternommen, herauszufinden, wie die in diesen Normen, Grundsätzen, Regeln und Praktiken enthaltenen vielfältigen Logiken über ihre kontextuellen Grenzen hinaus in die Zukunft hinübergerettet werden können.

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Anmerkungen

1 DiesenBegriffhabeichauseinemVortragübernommen,denderitalienischeKünst- ler Michelangelo Pistoletto in Berlin gehalten hat; vgl. Michelangelo Pistoletto, Il terzo Paradiso, Venedig (Marsilio) 2010.

2 Hicham-StéphaneAfeissa,Deepecology/ÉcologieprofondeundNæss,Arne(1912– 2009), in: Dominique Bourg und Alain Papaux, Dictionnaire de la pensée écologique, Paris (Presses universitaires de France) 2015.

3 Vgl.https://www.gunterpauli.com/the-blue-economy.html Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Gabriele Stein

Der Autor

Marco Kusumawijaya ist ein in Jakarta niedergelassener Architekt und Stadtentwickler. Er hat sich in vielen Teilen Indonesiens und an einigen Orten in Südost­ und Ostasien durch die Gründung von und Zusammenarbeit mit NGOs einen Namen gemacht, die sich mit Themen wie städtischer Nachhaltigkeit, Wohnraum und Gerechtigkeit befassen. Nach dem Tsunami von 2004 war er außerdem am Wiederaufbau von 23 Gemeinden in Aceh beteiligt, der sich langfristig auf die Initiative der ortsansässigen Bevölkerung stützte. Erfahrungen im Bereich der Kunst konnte er unter anderem als Vorsitzender des Jakarta Arts Council (2006–2010), als Kurator von Ausstellungen und Artist­in­Residence­Programmen und im Rahmen internationaler Beratertätigkeiten sammeln. Zurzeit ist er als Vorsitzender der Küstenschutzkommission des Governor’s Delivery Unit von Jakarta mit entwicklungspoliti­ schen Fragen und mit der Beaufsichtigung der Rückgewinnung der Küstenregionen von Jakarta betraut. Adresse: Jl. Cikini Raya No.37b, RT.16/RW.1, Cikini, Menteng, Kota Jakarta Pusat, Daerah Khusus Ibukota Jakarta 10330. E­Mail: mkusumawijaya@gmail.com

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